Einblicke in die Seiten

Drei Momente, drei Lebensphasen. Auszüge aus dem Roman „Hey Lisa, was machst du am Wochenende?“ von René Portmann – über das Aufwachsen, die Sehnsucht nach echter Nähe und den Mut, aufeinander zuzugehen.

Teil 1: Abenteuerland (Kindheit)

Im Kindergarten lagen die Hausschuhe wie kleine Boote an der Garderobe. Lisas waren rot mit einem ausgefransten Marienkäfer. Frau Behrens, die warme Hände und eine ruhige Stimme hatte, kniete sich hin und band Lisas Haargummi nach, der nie so recht halten wollte. „So, Kapitänin, anlegen“, schmunzelte sie und zeigte auf den Teppich. Lisa nickte und sah dabei an Frau Behrens' Schulter vorbei: Papier, Pinsel, Wasserbecher. Ein leises Kribbeln im Bauch – Farben wussten immer, was sie sollten.

Im Morgenkreis saßen die Kinder auf einem Teppich, der wie eine Wiese aussah. Mia, die nach kalter Luft und Heu roch, hielt ein Holzpferd. „Wir haben ein Fohlen“, sagte sie und strich dem Pferd über die Mähne. Nele, die mit den zu großen Zöpfen und dem Hund, der alte Socken stahl, zeigte einen Kieselstein, der so glatt war wie ein Bonbon. „Von unserer Straße. Da fahren zwei Autos am Tag und der Bäckerwagen, der hupt wie der Notarzt.“ Die Kinder lachten, auch Frau Behrens. Lisa hob die Hand mit einer Zeichnung einer Wolke, dick und weich. Sie hatte die Zeichnung zu Hause angefangen und in die Jacke gesteckt. „Schön“, lobte Frau Behrens. „Die hat Schatten. Wie hast du das gemacht?“ – „Fester drücken“, erklärte Lisa und sah auf ihre Finger, an denen Farbe klebte.

Später durfte sie malen. Das Wasser im Becher wurde grau, weil es so viele Farben aufgenommen hatte. Auf dem Papier wuchs ein Baum. Frau Behrens legte eine Hand auf Lisas Schulter, nicht schwer: „Du siehst gut hin.“ Draußen auf dem Hof zählte jemand beim Seilspringen: „Eins, zwei, drei, vier – raus!“, während Lisa drinnen mit der Zunge zwischen den Zähnen die Linie am Stamm nachzog. Wenn sie mal schief wurde, malte sie einfach eine dickere. So ging es.

Teil 2: Durch den Monsun (Jugend)

Man sagt, die Pubertät sei die Zeit, in der die Eltern schwierig werden. Lisa konnte diesen Satz im Jahr 2004 nur zu gut nachvollziehen.

„Kannst du mir helfen, den Tisch zu decken?“, fragte Heike aus der Küche.

„Gleich“, antwortete Lisa aus ihrem Zimmer. Die Tür war halb zu, der Fernseher an. Stimmen, ein Lachen aus der Konserve.

„Gleich ist kein Zeitpunkt“, murrte Heike.

„Doch“, entgegnete Lisa. „Meiner.“

Heike deckte den Tisch allein.

Der Fernseher lief. Am Wochenende durfte er jetzt auch abends laufen. Spätabends. Nicht zu laut, aber so, dass man ihn im Flur hörte. Früher hätte es eine Uhrzeit gegeben, einen Satz, eine Grenze. Jetzt war da nur die andauernde Geräuschkulisse.

Beim Essen kam Lisa kurz heraus. Sie setzte sich, aß schnell und sah niemanden an. „Stellst du deinen Teller in die Spülmaschine?“, fragte Heike.

„Später“, murrte Lisa.

„Später wann?“

„Später.“

Lisa stand auf, stellte den Teller bewusst provokant auf die Spülmaschine, verschwand wieder in ihrem Zimmer und machte die Tür zu. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Teller einzuräumen, aber sie tat es nicht, um bloß nicht das zu tun, was von ihr verlangt wurde.

Am Abend wurde es still im Haus. Lisas Fernseher lief weiter. Ein Film, dann noch einer. Die Uhr rückte vor bis Mitternacht. „Findest du das okay?“, fragte Heike.

Ralf zuckte mit den Schultern. „Sie stört niemanden.“

„Morgen ist Sonntag.“

„Ja.“

„Und sie schläft dann den halben Tag.“

„Dann schläft sie eben.“

Sie sagten nichts zu Lisa. Nicht aus Zustimmung. Aus Erschöpfung. Und aus dem Wunsch heraus, nicht schon wieder etwas zu verhandeln, das sich nicht lösen ließ.

 

Teil 3: Astronaut (Erwachsenenalter)

Mittwochs und samstags hatte der Wochenplan eine andere Farbe. Um halb drei klickte der Schlüssel vom Kunstladen und Lisa betrat einen Raum, der nach Grafit, Papier, Gummi und leiser Aufregung roch. Der Laden war schmal wie ein guter Strich, hoch wie eine Idee und voller Schubladen, die Namen flüsterten: Hahnemühle, Canson, Fabriano, HB bis 8B, Kolinsky, Synthetik, Flachpinsel.

„Du da?“, rief Herr Grawe aus dem Hinterraum. Er verzichtete auf eine Uhr und behauptete, er erkenne die Tageszeit an den Stimmen der Kunden. Er schob die Brille hoch und lächelte so, dass die Wangen die Jahre verrieten, die Hände aber nicht. „Heute sind viele Erstsemester hier. Und eine ältere Dame, die jedes Jahr einen Aquarellblock kauft und dabei fragt, ob Aquarell vielleicht doch etwas für ungeduldige Menschen sein kann.“ Du nimmst sie. Du bist freundlich und ehrlich.“

Lisa hängte ihre Jacke an den Haken, band sich die schlichte Schürze um, die nach Kreide roch, und trat an den Tresen. Der erste Kunde war tatsächlich einer von „ihren“: ein nervöser Architekturstudent, der die Schachtel mit den Cutterklingen so hielt, als sei sie der Deckel zu etwas, das herauswollte. „Ich brauche alles“, sagte er und meinte damit Panik.

„Nein“, erwiderte Lisa und lächelte. „Du brauchst drei Dinge: ein Messer, das nicht prahlt, Kleber, der nicht schäumt, und Papier, das dir Fehler verzeiht. Den Rest leihst du dir aus der Werkstatt und vom Mut.“

Er lachte irritiert und zugleich befreit. „Okay. Was für Kleber?“

„UHU hart. Und für später Holzleim.“

Am Regal für Papiere beriet sie mit der Sorgfalt einer Kartenlegerin, die nicht schummelt. „Wenn du den Radierer hörst, war es das falsche Papier. Es darf knirschen, aber nicht klagen. Hier, probier das.“ Sie riss ein Blatt aus dem Musterblock und gab ihm einen Bleistift. Er zeichnete eine Linie, die sofort zu atmen begann. „Das fühlt sich an … gut.“

„Genau. Und gut ist die richtige Kategorie für den Anfang.“

Zwischendurch lief die Kasse mit zufriedenen Klicks. Eine Lehrerin suchte Wachsmalblöcke für „Kinder, die lieber über den Rand malen“. Lisa empfahl die, die den Rand ertragen. Ein Rentner fachsimpelte über Füllerfederhalter (Lamy oder Pelikan?) und entschied sich schließlich für einen Bleistift HB von Faber-Castell. Ein Kunststudent wollte einen Pinsel, „mit dem Wasser aussieht wie Wasser, aber nicht nass ist“. „Hier“, sagte Lisa und legte ihm einen mittleren Synthetikflachpinsel in die Hand. „Er macht, was er sagt, wenn du es ihm sagst.“

Sie liebte diese Mikroentscheidungen, die Handgriffe, das kleine Nicken, wenn ein Mensch merkt: Das passt zu mir. Ihr Chef, Herr Grawe, passte vom Phänotyp her eigentlich überhaupt nicht in einen Kunstladen. Er trug eine sehr moderne Brille und meistens hochwertige Pullover von Boss oder Ralph Lauren. Darunter ein Hemd. „Mann trägt Kragen“, hatte er einmal gesagt. Dennoch stand seine Kompetenz überhaupt nicht in Frage. Er kannte jedes Produkt aus dem Effeff. Lisa wurde nicht ganz schlau aus ihm und fragte sich, ob er ernsthaftes Interesse hatte oder es als seine kaufmännische Pflicht ansah, sich dieses Wissen anzueignen.

Einmal kam Jule herein, den Rucksack über nur einer Schulter. „Ich brauche etwas, das mich diszipliniert“, erklärte sie.

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